Schmerz ist eines der am meisten unterschätzten Themen in der Pflege schwer erkrankter Menschen – und zugleich eines der wichtigsten. Viele Angehörige gehen davon aus, dass Schmerzen bei intensivpflegebedürftigen Patienten unvermeidlich sind, einfach zur Erkrankung dazugehören oder sich ohnehin kaum lindern lassen. Das ist ein Irrtum, der Menschen unnötig leiden lässt...
Bei vielen Patienten, die außerklinische Intensivpflege benötigen, ist die Einschätzung von Schmerzen deutlich komplexer aus den folgenden Gründen:
- Eingeschränkte oder fehlende Kommunikationsfähigkeit – etwa bei Wachkoma-Patienten, fortgeschrittener ALS oder nach schwerem Schlaganfall mit Sprachverlust
- Kognitive Einschränkungen, die eine klare Schmerzäußerung erschweren
- Mehrfache, überlagernde Beschwerden – etwa chronische Grunderkrankung, zusätzliche akute Beschwerden und behandlungsbedingte Schmerzen gleichzeitig
- Sedierung oder Beatmung, die die übliche Schmerzäußerung verändern oder unterdrücken kann
Das bedeutet: Schmerzmanagement in der Intensivpflege erfordert oft detektivische Sorgfalt – ein geschultes Auge, das Schmerzen auch dort erkennt, wo sie nicht in Worte gefasst werden können.
Wie wird Schmerz erkannt, wenn der Patient sich nicht äußern kann?
Beobachtung nonverbaler Schmerzzeichen
Erfahrene Pflegefachkräfte achten gezielt auf Anzeichen, die auf Schmerzen hindeuten können:
- Veränderungen der Mimik (z. B. Stirnrunzeln, Grimassieren, zusammengekniffene Augen)
- Anspannung der Muskulatur oder abwehrende Bewegungen
- Veränderungen von Herzfrequenz, Blutdruck oder Atemmuster
- Unruhe, Schlafstörungen oder ungewöhnliche Lautäußerungen
- Veränderungen des Verhaltens gegenüber dem gewohnten Zustand des Patienten
Standardisierte Schmerzerfassungsinstrumente
Für Patienten, die sich nicht selbst äußern können, gibt es validierte Beobachtungsskalen, die eine strukturierte Einschätzung ermöglichen – etwa die BESD-Skala (Beurteilung von Schmerz bei Demenz) oder speziell für beatmete bzw. bewusstseinseingeschränkte Patienten entwickelte Instrumente. Diese Skalen übersetzen beobachtbares Verhalten in eine nachvollziehbare Einschätzung der Schmerzintensität.
Kenntnis der Phasen und Ausschläge
Hier zeigt sich erneut, warum Kontinuität in der Pflege so entscheidend ist: Eine Pflegekraft, die einen Patienten seit Monaten kennt, erkennt Abweichungen vom „normalen" Verhalten viel früher und zuverlässiger als eine Pflegekraft, die den Patienten zum ersten Mal betreut. Was für einen unbekannten Beobachter wie „übliche Unruhe" aussieht, kann für ein eingespieltes Team ein klares Schmerzsignal sein.