Kommunikation endet nicht mit dem Verlust der Sprache. Sie verändert nur ihre Form. Dieser Beitrag zeigt, wie Kommunikation mit nicht sprechenden Menschen gelingen kann – fachlich fundiert und mit dem tiefen Respekt, den jeder Mensch verdient, unabhängig davon, wie er sich ausdrücken kann.
Ein grundlegendes Missverständnis prägt oft den Umgang mit nicht sprechenden Patienten: die Annahme, dass mit der Sprache auch das Verständnis, die Gedanken oder die Persönlichkeit verschwinden. Das ist bei den allermeisten unserer Patienten schlichtweg falsch.
Bei ALS beispielsweise bleibt die Kognition in den meisten Fällen vollständig erhalten. Der Mensch versteht alles, denkt klar, hat Wünsche und Meinungen, kann sie nur nicht mehr über die gewohnten Wege äußern. Auch bei vielen Schlaganfall-Patienten mit Aphasie (Sprachverlust) ist das Sprachverständnis oft besser erhalten als die Fähigkeit zur eigenen Sprachproduktion.
Diese Erkenntnis verändert alles: Kommunikation mit nicht sprechenden Menschen ist kein hoffnungsloses Unterfangen – sie ist eine Aufgabe, die Kreativität, Geduld und Fachwissen erfordert, aber sehr wohl gelingen kann.
Die verschiedenen Formen der Kommunikation ohne Worte
Körpersprache und Mimik
Selbst wenn keine Worte mehr möglich sind, bleibt oft ein Restrepertoire an Ausdrucksmöglichkeiten: Augenbewegungen, Mimik, kleine Handbewegungen, Veränderungen der Muskelspannung. Ein geschultes Auge erkennt in diesen kleinen Signalen oft erstaunlich viel: Zustimmung, Ablehnung, Unbehagen, Freude.
Blickkontakt und Augenbewegungssysteme
Bei Patienten, die noch über kontrollierte Augenbewegungen verfügen – etwa in fortgeschrittenen Stadien von ALS – können einfache Ja/Nein-Sgnale über die Blickrichtung aufgebaut werden. In komplexeren Fällen kommen computergestützte Augensteuerungssysteme zum Einsatz.
Buchstaben- und Symboltafeln
Eine einfache, aber oft sehr wirksame Methode: Tafeln mit Buchstaben, Zahlen oder Symbolen, auf die der Patient durch Blick, Zeigen oder minimale Bewegung deuten kann. Diese Methode erfordert Zeit und Geduld auf beiden Seiten – ist aber häufig zugänglicher als komplexe Technik und funktioniert auch, wenn technische Hilfsmittel gerade nicht verfügbar sind.
Ja/Nein-Antworten über minimale Bewegungen
Wenn selbst eine Buchstabentafel nicht mehr möglich ist, lassen sich oft einfache Codes etablieren: ein Blinzeln für „Ja", zwei für „Nein". Ein leichtes Drücken der Hand. Eine minimale Kopfbewegung. Diese Codes müssen individuell mit dem Patienten erarbeitet und von allen Beteiligten konsequent gleich verwendet werden, damit sie zuverlässig funktionieren.
Elektronische Kommunikationshilfen
Für Patienten mit ausreichender motorischer Kontrolle stehen heute leistungsfähige elektronische Systeme zur Verfügung – von einfachen Sprachausgabegeräten, die durch Tastendruck oder Schalter bedient werden, bis zu hochentwickelten Systemen, die per Augensteuerung ganze Texte formulieren und über Sprachsynthese ausgeben können.
Basale Kommunikation bei stark eingeschränktem Bewusstsein
Bei Patienten mit stark eingeschränkter Wahrnehmungsfähigkeit, etwa im Wachkoma, verschiebt sich Kommunikation auf eine noch grundlegendere Ebene: über Berührung, Stimme, vertraute Gerüche oder Musik. Auch wenn eine bewusste Rückmeldung nicht sicher nachweisbar ist, gehen wir davon aus, dass diese Form der Zuwendung ankommt.